Die Geschichte

Die Aufstellung trägt das Datum des 10. 11. 1891 und betrifft die Einnahmen des Jahres 1890. Diese stammten samt und sonders von Gastwirten, in deren Händen die Gestaltung des Martinsabend auch lag. Protokollunterlagen des Gesangvereins „Die Stummen" bzw. „Liedertafel" weisen Ausgaben für den „Kinderfestzug" und die Beschaffung von Pechfackeln aus. Auch die Kinder trugen am Martinsabend schon Fackeln. Sie zogen damit von Haus zu Haus, die einen mit mehr, die anderen mit weniger Erfolg, daß ihnen also Leckeres gespendet würde. Manche aber verließen sich dabei nicht aufs Spenden, sie glichen den Mißerfolg bisherigen Bemühens durch Eigenmächtigkeiten aus.

 

Um also insofern Ordnung zu schaffen, ausgleichend zu wirken und „das Martinslicht dem Heiligen zu Ehren hinaus zu tragen durch die Straßen", gründete sich das Komitee. Es teilte den Ort in 7 Sammelbezirke ein und stellte in den Gaststätten Sammelbüchsen auf.

 

Die Initiatoren wurden nicht enttäuscht.

Sie konnten eine Einnahme von 228,74 DM verzeichnen und bescherten damit jedem Kind „2 Wecken à 10 Pfg. und 2 Äpfel, den nichtschulpflichtigen Kindern wurde 1 Weck und 1 Apfel gegeben".

 

Auch das Ordnungsstreben des Komitees fand Genugtuung. Die Feuerwehr und der Turnverein sagten ihre Mitwirkung beim Zug zu. Die Turner traten hierzu in weißen Turnanzügen an. Die „Knaben" waren im Zug „flankiert" von Mitgliedern des Turnvereins, die Mädchen waren flankiert von Mitgliedern der Feuerwehr. Und in einer „Nachanmerkung" zum Festverlauf heißt es noch im Protokoll:

 

„Es war den Kindern untersagt, noch in den Häusern Kuchen zu fordern oder zu stehlen. Es ist das mit zu vielen Unannehmlichkeiten verbunden und artet in Unfug aus".

 

Am Martinsabend 1903, davon kann man mit Sicherheit ausgehen, ist derartiger Unfug nicht mehr vorgekommen, denn das Protokoll vermerkt, daß alle todmüde waren, denn der Zug hatte zwei Stunden gedauert und selbst die Mitglieder des Komitees versammelten sich, „um von den Mühen auszuruhen."

 

Die Kinder sollten möglichst in Gruppen vom Festzug aus nach Hause gehen. Um

das zu erreichen, wurden die Zuggruppen nicht wie heute aus den einzelnen Klassen gebildet, sondern die Kinder „geordnet, wie sie zusammen wohnen."

 

In der Spitzengruppe des Zuges trugen Mitglieder des Turnvereins die Fackelbäume, es folgten die Jungen, die Musik, die Mädchen und die Angehörigen der Feuerwehr und des Komitees. Einen Martinsdarsteller gab es in den ersten Jahren nach der Komiteegründung nämlich noch nicht. St. Martin wurde erstmals 1906 von Gottfried Heursen dargestellt. Heursen gehörte zu den Vorfahren der Familie Leyers an der Kirche). Von 1911 an wurde der Darsteller noch von Herolden begleitet; in den Jahren 1911 bis 1913 waren das die Herren Johann Beulertz und Math. Thelen.

 

Von den Pferden der drei Darsteller ging für die nachfolgenden Kinder eine nicht geringe Gefahr aus. Das Komitee beauftragte mehrere Mitglieder, im Zug den gehörigen Abstand zwischen den Tieren und den Kindern zu sichern. Weil ihr Arbeitsplatz nun mal keine andere Aussicht bot, wurden die Herren mit dem sicherlich originellen Namen: „Pferdeschwanzkommando" belegt. Und diejenigen, die für die Sicherheit der Kinder in diesem Bereich auch heute sorgen, sind eben auch noch nach 100 Jahren dieses Titels gewiß.

 

Die Zugfolge wurde fast in jedem Jahr festgelegt. In verschiedenen Jahren nahm Petrus stürmisch feuchten Einfluß. Für den Fall - hatte das Komitee (vergl. Protokoll v. 7.11.1911) angeordnet - werden die Mädchen im unteren, die Knaben im oberen Korridor aufgestellt, die Musik auf der Treppe postiert.

 

Aber nicht allein das Wetter brachte dem Komitee Unbill. Im Jahre 1906 mußte der Chronist vermerken, daß „1/4 sämtlicher Brötchen ungar und Äpfel faul waren." Es kam zur Einsetzung eines Kontrollorgans, das unter der Bezeichnung „Stutenprüfkommission" bekannt und tätig war. Sicher ist auch nachher noch Streit über das rechte Gewicht, die rechte Zutat zum „Stuten" aufgekommen. Für das Komitee besorgniserregender aber waren die besonders schlimmen Zeiten, in denen die Verteilung der Martinsgabe gefährdet erschien. In den Jahren nach den Kriegen wurden die Bauern um eine Spende Weizen gebeten und die Chronik weiß zu berichten, wie gebefreudig sich die Bauern zeigten, wenn es darum ging, praktisch und unkompliziert zu helfen, wie es Martin getan hatte. Es gibt Listen in den Protokollbüchern, worin die Mengen und die Spender verzeichnet sind.

 

Und in einer solchen Zeit, am 10.11.1920, schrieb der kurz vorher zum Komiteevorsitzenden gewählte Hauptlehrer Johannes Klöckner: „Als in der Knabenschule die Verteilung der leckeren Gaben vorgenommen wurde, leuchteten die Augen der Kleinen auf. Ihre Freude über das Geschenkte wird allen Augenzeugen unvergeßlich sein." Das war die Motivation, die die Komiteemitglieder immer wieder Auswege finden ließ, den selbst gesetzten Auftrag auch unter widrigen Umständen zu erfüllen.

 

So wurde beschlossen:

 

1908: „den St. Martin im Zuge wegfallen zu lassen und die diesbezüglichen Kosten zur Verstärkung der Musik bzw. anderweitig zu verwenden."

1922: „die Musik zu befragen, ob sie nicht zu einem billigeren Satz als 3000,- Mark aufspielen wird."

1930: „vom Kauf der Äpfel abzusehen wegen der hohen Preise".

 

Im Vergleich zu den vorstehenden, wesentlich unerheblicheren Beschlüssen mussten Maßnahmen ergriffen werden, um Angriffe auf die Existenz des Komitees in den nachfolgenden Jahren zu überstehen. Am 5. November 1936 erschien der örtliche Gendarmeriewachtmeister in der Wohnung des Vorsitzenden Heinrich Avesiers und beschlagnahmte im Auftrage des Landrates das Vermögen des Martinskomitees. Als Grund wurde angegeben, daß eine Martinssammlung im Dorf stattgefunden habe, eine solche aber im Reichsgebiet verboten sei. Auf Interventionen hin wurde das Vermögen des Komitees im November 1936 wieder freigegeben, jedoch war die schriftliche Erklärung abzugeben, daß das Komitee nicht mehr gegen Gesetzesvorschriften verstoßen werde.

 

Um ungestört von solchen Gesetzesvorschriften weiter arbeiten zu können, wurden folgende Maßnahmen getroffen, die dem Leser von heute wie aus einem Witzblatt vorkommen mögen:

 

Die Abhaltung des Martinsfestes wurde dem „Winterhilfswerk" übertragen. Der „Ortsbeauftragte des WHW", selbst einmal Vorsitzender des Komitees, übertrug die Durchführung' des Festes seinerseits dem „Amtswalter der NSV." Mit diesem Titel war kein anderer als der amtierende Komiteevorsitzende geschmückt, so daß „das Martinskomitee bestehen bleibt und wie seit 30 Jahren den schönen alten Brauch des Martinsfestes pflegt", - wie Heinrich Avesiers als Vorsitzender am 16.10.1936 protokollierte. In Kauf genommen war lediglich, daß das WHW nunmehr als Träger der Festlichkeiten bezeichnet wurde.

 

Mit Berichten und Bildern über den St, Martinstag 1938 wird die Berichterstattung dann doch unterbrochen bis 1944.

 

In der totalen Finsternis, in der Zeit der Verdunkelung, war kein Platz für leuchtende Kinderaugen unter Fackellicht. 1944 veranstaltete aber Pfarrer Michels einen Martinszug. Zur ersten Versammlung des Komitees nach dem Krieg war der Pfarrer auch eingeladen. Im Jahre 1953 stellte der Komiteevorsitzende Heinrich Avesiers selbst den St. Martin dar. Am Festtag' des Heiligen besuchte er mit seinen Herolden das letzte noch lebende Gründungsmitglied Theodor Rahnen, dieser verabschiedete am Hoftor seinen Besuch und rief ihm noch nach: „Grüßt mir die Kinder!"

 

„Im Bewußtsein, anderen Freude bereitet, selbst aber frohe Stunden verlebt zu haben," - wie es an einer anderen Stelle im Protokollbuch heißt - durfte Theodor Rahnen 50 Jahre nach seinem ersten Entschluß den Fortbestand des Komitees erleben. Und tatsächlich hatten sie frohe Stunden erlebt, wovon manche Ausführung im Protokollbuch Zeugnis gibt.

 

Da bringt einer - wieder einmal - das schon leidige Thema der Aufnahme neuer Mitglieder zur Diskussion. Die Diskussion, so vermerkt der Chronist, dauert lang, bringt Durst, schlägt letztendlich um in heitere Stimmung und vergessen wurde der Antrag und die Abstimmung.

Und an anderer Stelle ist dargelegt, welche Abenteuer der Reitunterricht vor dem Martinsabend dem Darsteller bereiten kann.

 

Wenig erheiternd für die Komiteemitglieder war dagegen eine Notiz, die in der Zeitung am 19. 11. 1949 erschien. Darin wird das Komitee zur öffentlichen Rechnungslegung aufgefordert, weil die Dürftigkeit der Martinstüten angeblich nach Ansicht der Bevölkerung im Gegensatz zu den gegebenen Spenden stand. Also auch solches kann jenen beschert werden, die sich vorgenommen haben, anderen eine Freude zu machen. Das sei erwähnt, wenn auch dieselbe Zeitung wenig später betonte, daß „irgendwelche angeblichen Beschwerden jeder Grundlage entbehrten".

 

Gottlob offenbart ein Streifzug durch das Protokollbuch im wesentlichen Besseres. Für Heimatforscher und Geschichtsinteressierte bietet ein solches Buch manche Information.

 

Die fängt an bei der Aufzeichnung der Sammelbezirke 1903. Da sind Markierungen genannt, von denen heute keiner Vorstellung mehr hat: Brücke bei Borges, Stekkendorfer Straße, Königstraße bis zur elektrischen Ecke, Consum (Horster Johann).

Aus den Jahren 1907 und 1912 wird erwähnt, daß die Bürgermeister Heinrichs und Sauvageot Ehrenvorsitzende waren, aus dem Jahre 1912 stammt das älteste Foto vom Martinsdarsteller des Jahres, Wilhelm Schotten. Von 1912 an wird außer dem Musikverein und dem Turnverein auch die „Sanitätskolonne" als Mitwirkende im Zug erwähnt, Der Turnverein, so ist zu lesen, nahm 1934 wegen seiner geringen Mitgliederzahl am Zug nicht teil, die Teilnahme des Vereins wird aber im Bericht über das Jahr 1946 wieder ausdrücklich erwähnt (Fackelschwingungen auf dem Sportplatz).

 

Und noch weitere Auskünfte und  Vergleichsmöglichkeiten ergeben sich aus den Aufzeichnungen des Komitees.

Da wurden 1903 gar „900 Wecken bestellt, und vorsichtshalber noch 100 nachträglich." Wenn jedes schulpflichtige Kind davon 2, jedes nicht schulpflichtige 1 bekam, ist der Schluß zum Prozentsatz der Kinder zur Gesamtbevölkerung in etwa möglich und damit auch ein Vergleich zu heute.

 

Und erst die Preise. 8 Mann „Musik" kosteten 1903 für den Abend ganze 28 Mark, 1922 betrug der „Satz" gar 3000,-  Mark und 1924 war der Musikverein bereit, unentgeltlich zu spielen.

 

1924 ist auch noch vermerkt, daß Herr Gustav Becker „zum 10. November im Schulgange eine elektrische Birne" anbringen wird. Und schon 1913 „wird seitens des Komitees gewünscht, daß auch die Fräulein Lehrerinnen den Zug behufs Beaufsichtigung der Mädchen begleiten möchten."

 

Wenn derlei Formulierungen aus heutiger Sicht auch zum Schmunzeln Anlaß geben, wenn es 1908 nur Äpfel der Sorte „Belle fleur" zu 0,11 M das Pfund sein durften, die als festgerecht angesehen wurden, dann spiegelt sich auch daraus das Mühen des Komitees, die Jahre hindurch dem treu zu bleiben, wozu es sich gegründet hat. Und es ist diesem Komitee abzunehmen, daß es weiterhin den Wunsch voll hegt, den Johannes Klöckner vor 50 Jahren, zum Jubiläum 1928, niederschrieb:

„Möge das Martinskomitee auch künftighin stets zur Freude der Kinder und zur Herbeiführung des sozialen Ausgleichs seine segensreiche Arbeit fortsetzen, damit die alte schöne Sitte unseren Kindern und Kindeskindern vererbt werde".

 

Gegründet 1903 in einer brauchtumsverbundenen Zeit, fiel es dem Komitee  nicht schwer, sich einen festen Platz in der Gemeinschaft des Dorfes zu verschaffen. Schwierigkeiten gab es in diesen und in nachfolgenden Not- und Nachkriegszeiten meist aber nur in materieller Hinsicht.

 

Von 1953 an stellen sich solche Schwierigkeiten nicht mehr ein, damit wurde das Leben des Komitees jedoch nicht einfacher. Vieles, was bis dahin noch selbstverständlich war, wird irgendwann erschwert, gestört und in Frage gestellt.

 

Zogen früher die Komiteemitglieder, den Dorfbewohnern bekannt, von Haus zu Haus, um für das Fest zu sammeln, so geht diese Aktion hernach mit Genehmigungspflichten, Ausweisanordnungen und Listenführung einher.

 

War es seit Gründertagen - ohne gleich Satzung zu sein - üblich, daß ein großer Teil der Initiative verbunden mit der Übernahme des Komiteevorsitzes von der Schule ausging, so verfing sich diese Übung 1969 in den Fallstricken einer Diskussion über den Begriff einer Schulveranstaltung.  Seither (genau gesagt lt. Protokoll: seit 9. 3. 1969, 21.30 Uhr) wird das Komitee nicht mehr vom Schulleiter geführt.

 

War früher der Aktionsbereich des Komitees identisch mit dem Schulbezirk, so schafften Schulreformen eine andere Situation. Mit der Gründung der Hauptschule wurde ein Prozeß eingeleitet, an dessen Ende Voesch außer der dorthin verlegten Sonderschule keine selbständige Schule mehr hatte.

 

Über derlei Schwierigkeiten ist im Komitee sicher die Diskussion „über Qualität, Quantität und Volumen der Stuten, über großkernige und kleinkernige Rosinen nicht abgebrochen worden, d. h. das Martinsfest ist weiter, wie bis dahin gefeiert worden, aber es muß doch festgehalten werden, daß schon mal danach gerufen wurde, „andere Formen des Martinsfestes zu finden."

 

 

 „Zur Verschönerung und Ordnung des St. Martinsfackelzuges und um den Kindern eine Freude zu bereiten, vereinigten sich folgende:

 

1.Jakob Abelen, Gutsbesitzer auf Lörshof, Mitglied des Schulvorstandes; 2. Wilhelm Boscher, Metzgermeister, Mitglied des Schulvorstandes; 3. Matthias Busch, Kleinhändler und Drogist, Mitglied des Schulvorstandes; 4. Johann Cappel, Lehrer; 5. Hugo Fitzen, Wirt; 6. Karl Hoenen, Wirt; 7. Anton Knippen, Lehrer; 8. Mich. Lingens, Lehrer; 9. Julius Louven, Wirt ; 10. Heinrich Poeth, Wirt und Rentner; 11. Heinrich Reepen, Herrenkleidermacher; 12. Peter Reins, Rentner; 13. Wilhelm Schotten, Gemeindeempfänger; 14. Johann Schumacher, Wirt; 15, Theodor Rahnen Landwirt und II. Beigeordneter.“

So steht es wörtlich zu lesen in dem Protokollbuch des St. Martinskomitees und überschrieben ist diese erste Seite mit der Datumsangabe: „St. Martinsabend 1903". Wie war denn bis dahin der Martinsabend jeweils verlaufen? Nun, einen Zug und eine Martinsfeier hatte es auch schon vorher gegeben. Im Protokollbuch des Komitees befindet sich eine Einnahmeaufstellung „der ausgestellten Kistchen für die St. Martinsfeier".

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St. Martinskomitee St. Hubert